Ratssaal

Der Ratssaal ist der wichtigste Raum des Rathauses. Hier hielt der Rat seine Sitzungen ab, und hier wurden alle Beschlüsse und Gesetze verabschiedet, die das städtische Leben betrafen. Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts stand dem Rat auch die höchste Gerichtsbarkeit in Reval zu.

Der Revaler Rat legte seinen Entscheidungen das Lübische Recht zugrunde, das in den Hansestädten weit verbreitet war. Der Rat beschloss über alles in der Stadt - von den Steuern bis zu den Verordnungen über die Kleider und den Schmuck, die man tragen durfte. Die Tätigkeit der Ratsherren wurde nicht bezahlt. Nur die wohlhabendsten Kaufleute - Mitglieder der Großen Gilde – konnten Ratsherren werden. Seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert zählte der Rat vierzehn Ratsherren und vier Bürgermeister, von denen jeweils einer den Vorsitz führte.

Da der Rat auch die Gerichtsbarkeit ausübte, war die Ratsstube zugleich Gerichtssaal. Diesen Zweck heben sowohl die rot angestrichenen Wände als auch die Gemälde mit Motiven zur Rechtsprechung hervor.

Im Ratssaal fällt die Vielheit der Symbole auf. Die Kunstwerke des wichtigsten Raumes im Rathaus reden von Sittlichkeit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Weisheit und Rechtsprechung. Unmittelbar mit der Rechtspflege sind acht Gemälde mit biblischen Motiven des Lübecker Meisters Johann Aken aus der Mitte des 17. Jahrhunderts verbunden.

Elert Thieles Jagdszenen und Joachim Armbrusts floristische Motive gehören zu den schönsten Werken der Revaler Holzschnitzerei des Barock. Das mittelalterliche Ratsgestühl ist einzigartig. Das früheste Beispiel weltlicher Holzschnitzerei in Estland aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts ist auf einer Seitenlehne der Ratsherrenbank zu sehen. Inspiriert von der beliebtesten Legende des Mittelalters hat ein unbekannter Meister die Liebesgeschichte des Ritters Tristan und der Königin Isolde dargestellt, die Ratsherren vor weiblicher List und Untreue warnend. Auf einer anderen Banklehne wird Simsons Kampf mit dem Löwen dargestellt, womit die männliche Kraft verherrlicht wird. Zwei massive Banklehnen aus dem 15. Jahrhundert zeigen die Geschichten von David und Goliath sowie Simson und Delila. Auf dem unteren Relief der letztgenannten Banklehne sind die Gestalten von Aristoteles und Phyllis abgebildet.