Bürgersaal

Der Bürgersaal oder das Vorhaus (vorhus) diente den Bürgern im Mittelalter als Ort der Geselligkeit. Hier traten auch wandernde Musikanten und Schauspieler auf.

Der Bürgersaal zeichnet sich durch seine Helligkeit aus. Die Pfeiler,die die Gewölbe des gotischen Saales tragen, sind mit einem farbenfrohen Fischgrätenmuster geschmückt. Die ursprüngliche Bemalung ist auf zwei Kanten eines Pfeilers beim Treppenaufgang zu sehen.

Die Tische ächzten unter dem Überfluss an Speisen. Als besonderes Festgericht fiel ein gebratenes Hirschkalb auf. Außerdem wurden 3 Mastochsen, 22 Böcke, 11 Hasen, 111 Küken gebraten. Eier wurden hundertweise gebraucht. Als Vorspeisen standen Schinken, Würste, Zungen, Käse und viele Fischsorten auf dem Tisch. Als Nachtisch hatte man Honig und Rosinen, Waldbeeren und Äpfel bestellt, auch Weintrauben fehlten nicht. Safran für das Weissbrot hatte man durch einen Sonderboten direkt aus Riga holen lassen. Musikanten trugen zur guten Laune bei; zwischen den Tischen standen 49 Bierfässer; Claret und Rheinwein wurden angeboten, darüber hinaus auch Südweine und Malwasier.

So wird der Empfang im Rathaus zu Ehren des Ordensmeisters Hermann von Brüggeney im Jahre 1536 geschildert.

Rund zehn Jahre später bestellte der Rat für das Rathaus 7 Bildteppiche aus den Niederlanden. Diese wurden 1547 in der Kleinstadt Enghien angefertigt. Heutzutage hängen im Bürgersaal Kopien einiger dieser Teppiche, die Szenen aus dem Leben König Salomos zeigen. Die 7 Bildteppiche, deren Originale im Stadtmuseum Tallinn aufbewahrt werden, sind die schönsten Textilien der Renaissance in ganz Estland.

Außerdem fallen noch prächtige Stadtwappen sowie eine Tafel über der Tür vom Bürgersaal zum Ratssaal auf, die die Ratsherren ermahnt:

Anno 1651. Ratsherr, der du das Haus des Amts wegen betrittst, wirf ab vor diesem Eingang alle Voreingenommenheit, den Zorn, die Gewalt, den Hass, die Freundschaft und Verehrung; unterwirf dich und deine Sorge der Allgemeinheit; denn wie du den andern gerecht oder ungerecht sein wirst, so wirst auch du Gottes Gericht erwarten und ertragen müssen.